Jede Begegnung im Leben wiegt mehr, als wir ahnen.
Wir hinterlassen Spuren in den Herzen anderer Menschen,
noch nach Jahren, nach Jahrzehnten,
ja manchmal nach einem ganzen Leben
und das oftmals
ohne uns dessen bewusst zu sein,
ohne es je zu ahnen.
Das wurde mir erst kürzlich erneut auf einem Schultreffen bewusst, als ich nach sechzehn Jahren zwei alten Freundinnen wiederbegegnete. Wir fielen einander unvermittelt in die Arme, und es war irgendwie magisch, so als hätte die Zeit dazwischen nie existiert.
„Du, Eva“, sagte die eine von ihnen, „jedes Mal, wenn ich am Klavier sitze, denke ich an dich.“ Und ich musste lächeln, denn genau dasselbe hätte ich auch ihr sagen können: Jedes Mal, wenn ich jenes eine Stück spiele („Comptine d’un autre été: L’après-midi“), denke ich an sie, denn sie war es, die mir damals die Noten dafür schenkte. In einer Zeit, als das noch ein kleines Wunder war, denn es gab ja noch keine YouTube-Tutorials und kein Netz voller Antworten.
Nur sie, ihre Geste, ihr stilles Geschenk, das bis heute unter meinen Fingern weiterlebt. Und wo immer auch ich seither auf ein Klavier stoße, spiele ich dieses eine Stück, das durch meine Finger und ihre Noten seit mehr als nun 16 Jahren so viele Menschen ins Staunen versetzt, berührt, ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, einen Moment des Innehaltens und Träumens beschert.
Das Stück, das ich mir Abend für Abend mit müden Augen selbst beigebracht hatte, Schritt für Schritt, Ton für Ton, und das obwohl ich nicht einmal Noten lesen konnte, denn ich wollte es unbedingt können.
Es erinnert mich also nicht bloß an diese eine Schulkameradin und ihre Güte, sondern auch daran, dass wenn man etwas wirklich will, man es auch schaffen kann.
Eine andere Freundin erzählte, wie sie einer Klassenkameradin einst einen kleinen Glücksanhänger geschenkt hatte. Und jene Beschenkte trägt ihn fortwährend wie einen kleinen Schatz bei sich mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass er ihr Glück bringe.
All die Jahre später, ganz nah am Herzen, während die Schenkende selbst, wie sie heute zugeben muss, sich gar nicht mehr an das von ihr gemachte Geschenk erinnern kann.
Diesem Schultreffen wollte ich vor allem aus einem Grund beiwohnen: um meiner alten Klassenlehrerin wiederzubegegnen, um ihr für Dinge zu danken, die ich als Schülerin für selbstverständlich hielt, ja die mich damals vielleicht sogar genervt haben, und die ich heute, mit anderen Augen, als das erkenne, was sie wirklich waren:
Geschenke. Denn zwei meiner engsten Lebensfreundschaften verdanke ich, im Stillen, ihr.
Die eine, weil sie mich einst zur Matheförderung zwang, wogegen ich mich innerlich nur so gesträubt hatte und aus jenem Nachhilfelehrer wurde einer meiner besten Freunde fürs Leben. Die andere, weil eine neue Sitzordnung mich neben die Person platzierte, die bis heute eine meiner engsten Freundinnen ist.
Und dann war da ihr Französischunterricht am Nachmittag, der sich nicht wie Unterricht anfühlte – mit mitgebrachtem Gebäck, mit dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, mit dem stillen Vertrauen, dass in uns ein Talent steckt, das es wert ist, zusätzlich gefördert zu werden.
Ich wollte ihr erzählen, dass auch ich inzwischen auf der anderen Seite des Pults gestanden habe, dass ich verstehe, wie schwer ihr Amt wog, was sie eigentlich geleistet hat und dass sie mehr hinterlassen hat, als sie womöglich ahnt.
Denn nicht jede Lehrkraft in meinem Leben hat solche Spuren hinterlassen. Unsere ehemalige Deutschlehrerin erinnerte sich an keinen von uns dreien. Ich aber trage ihren Blick noch immer in mir, das Gefühl, klein zu werden in ihrem Unterricht, mich nicht zu trauen, die Hand zu heben, während mein Selbstwertgefühl, ohnehin schon zerbrechlich, ein Stück weiter in sich zusammensank.
Vielleicht war es genau dieses Gefühl, das mich Jahre später einen Weg einschlagen ließ, den ich nie geplant hatte: den Weg zur Deutschlehrerin. Drei Jahre lang saß ich selbst auf der anderen Seite des Pults – als hätte ich mir und ihr beweisen wollen, dass ich es kann, dass ich nicht so unwissend, nicht so klein war, wie ich mich damals in ihrer Gegenwart fühlte.
Heute trage ich ihr nichts mehr nach, denn manchmal zwingt einen das Leben zu einem Perspektivwechsel und ich bin dankbar ihn erlebt haben zu dürfen.
Wie oft im Leben ahnen wir nicht, welche Spuren wir hinterlassen? Jedes Wort, jede Geste, jede noch so flüchtige Tat kann sich in ein anderes Leben einschreiben wie Tinte, die nie ganz verblasst.
Am Ende jenes Schultreffens standen wir vor unserem Jahrgangsfoto, das an der Wand verewigt ist: Abitur, Jahrgang 2010, für immer eingeschrieben in die Geschichte dieser Schule. Ein schönes Gefühl, dort zu hängen, unvergänglich, jung und, unvergesslich.
Fast wie ein Beweis dafür, dass das, was einst war, tatsächlich stattgefunden hat.
Ich betrachtete die zwei Personen neben mir auf diesem Bild, die mir einst so nah standen, wie man Menschen nur nahestehen kann. Die eine sehe ich heute noch, ein-, zweimal im Jahr, seit jede von uns ihren eigenen Weg gegangen ist, eine eigene Familie gegründet hat, in eine andere Stadt gezogen ist.
Sie war es, die mir einst einen Satz sagte, der bis heute in mir nachhallt, wenngleich sie sich wohl längst nicht mehr an ihn erinnert:
„Du, Eva, man kann Menschen auch verzeihen. Einfach so.“ Es ging um eine gemeinsame Freundin, die uns beiden Unrecht getan hatte. Doch sie hatte ihr vergeben, was ich damals nicht begreifen konnte und heute mit anderen Augen sehe.
Die zweite Person auf jenem Foto, war jemand, von dem ich glaube, ihm heute nach so vielen Jahren das Unverzeihliche bereits verziehen zu haben. Und doch bleibt da ein bittersüßer Schmerz. Und Schmerz prägt, er schreibt sich in unsere Glaubenssätze, unsere Verhaltensmuster, in die stillen Winkel dessen, wer wir sind und wer wir werden, manchmal ein Leben lang.
So ist das Leben. Oftmals säen wir, ohne es zu merken, und andere ernten Jahrzehnte später, was wir längst nicht mehr im Sinn haben.
Wir hinterlassen Spuren, ganz gleich, was wir tun, wo wir sind oder wem wir begegnen. Spuren, die uns überdauern, ja die weiterklingen wie ein Ton, auch nachdem der Finger die Taste längst verlassen hat.
Und vielleicht ist genau das die stillste und größte Wahrheit unseres Daseins:
Dass wir einen Unterschied machen, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, ob wir wollen oder nicht. Welchen – das dürfen wir selbst entscheiden, wenn wir mit Achtsamkeit durchs Leben schreiten, zumindest können wir es versuchen.
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Bild von Martín Alfonso Sierra Ospino auf Pixabay
